Messiah - eine Violine

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Zederndehner
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Messiah - eine Violine

Beitrag von Zederndehner » Mo 5. Nov 2018, 17:17

Juten Tach,

wie in einem anderen Thread schon vorgestellt, baue ich ja an einer neuen Violine. Eigentlich wollte ich keinen Baufred mehr dafür eröffnen, aber es hat sich heute etwas zugetragen, was einfach in einen eigenen Thread muß.

Das Instrument selbst:

Ein Model was an Stradivari´s bekannter Messiah angelehnt ist. Es soll keine 1:1 Kopie werden, aber dennoch ein sehr sauber gearbeitetes und wohl klingendes Instrument. Anlehnung deswegen, da ich alle relevanten Maße der Messiah übernehme.

Leider muss ich den Baufred mittendrin beginnen, da ich bereits vor zwei Jahren mit dem Bau begann. Aber egal.

Stand ist zu heute:

- Boden gehobelt, gesägt, Wölbungen und Adergraben/Zierspäne fertig.
- Zargenkranz fertig abgesehen des Feinabrichtens/Feinschliff und Endknopfspäne (siehe Bilder)
- Decke aus mittenwalder Fichte (Schlag ~1920) fertig gefugt und wird gerade auf Stärke grobgehobelt....

Katastrophe:

Heute begann ich die geleimte Deckenkantel erstmal vorzuhobeln ehe ich sie auf den Umriss sägen wollte. Ca 20mm Fugenstärke und 10mm am Rand. So wie man das halt macht.
Dann kurz vor Endmaß legte sich auf der diskanten Hälfte eine Harzgalle frei! :o :shock: :o :shock:

Völlig schockiert und unter laufendem Schweiß hobelte ich vorsichtig weiter um nicht auf Untermaß zu kommen und um zu sehen wie tief sie denn ist.
Ich schnitzte sie etwas frei und maß nach. Sie ist im Bereich des "Stimm-F-Loches" und da soll das Wölbungsmaß von Null gemessen, 14,5mm betragen.
Nun habe ich die Kantel gemessen, die Gallentiefe abzüglich des Endmaßes, bleiben: 15,2mm

Das wird brutaaaaal eng, denn die Leimseite (Zargenkranzweisend) ist noch nicht feinabgerichtet.

Was für eine Vollkatasrophe. Denn das Holz ist wunderbar engjährig, gleichmäßig und sehr tief gehaselt. Zudem Uralt und gut abgelagert.

Ich habe beschlossen, die Kantel erstmal weiter zu bearbeiten und später zu sehen ob ich mit dem Maß hinkomme oder die Kantel als Bassbalkenholz endet. Das wäre sehr traurig....das ist (noch) mein mit Abstand edelstes Holz...mimimi :(

Trotzdem habe ich heute noch die Zierspäne für den Saitenhalterbereich in den Zargenkranz eingearbeitet. Immer mit einem Erfolgserlebnis aus der Werktstatt gehen...... :) ;)
Harzgalle1.jpg
Harzgalle2.jpg
Zierspäne1.jpg
Zierspäne2.jpg

Mobie Kaymony
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Re: Messiah - eine Violine

Beitrag von Mobie Kaymony » Mo 5. Nov 2018, 18:03

Trotz der Katastrophe, schön solche Arbeiten hier zu sehen.

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Re: Messiah - eine Violine

Beitrag von glambfmbasdler » Mo 5. Nov 2018, 18:08

Das ist gnz schön sch... mit der Harzblase. Ist mir mal bei einer Glampfe passiert (die, die grad in der Werkstatt hängt). Ich hoffe (gehe davon aus!), du kriegst es hin. :)

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Re: Messiah - eine Violine

Beitrag von Zederndehner » Di 6. Nov 2018, 18:05

glambfmbasdler hat geschrieben:
Mo 5. Nov 2018, 18:08
Ich hoffe (gehe davon aus!), du kriegst es hin
Leider - *Failed Mission* :cry:

Ich habe heute erstmal die Späne (Zargenkranz) nach dem Trocknen des Knochenleimes grob abgerichtet und abgezogen. Die sehen gut aus.

Die Harzgalle selbst ist leider in jedweder Disziplin ein A.......h! :evil:

1.) Sie sitzt mitten im Wölbungsmaß

2.) Sie sitzt ganz exakt "neben" dem Schalloch! (Wo es später mal hinkommt)

Gut ich habe zunächst die Leimfläche abgerichtet und dann die 4mm Deckenstärke am Umriss, welchen ich vorher grob ausgesägt habe, markiert.
Dann habe ich die Wölbung oben begonnen, wie gewöhnlich. In der Hoffnung das die Galle kleiner wird und letztlich ganz verschwindet.
Aber nein, sie ist auf Maß "0" noch deutlich zu sehen.

Ich muß also entweder ganz entgegen meiner Planung um 6/10mm unter Maß gehen, was sich auf Spannung und Stabilität der Decke auswirkt - somit auch auf Ansprache und Klang. Zumal sie dann nicht mehr zur Wölbung des Bodens passt, der ist ja schon fertig.
Oder eine neue Decke schnitzen aus weit weniger guten Holz. So eine Qualität hab ich nicht mehr auf Lager. Sollte ich eine Decke kaufen, muss sie erstmal knapp ein Jahr bei mir in der Werkstatt liegen haben, um sich zu entspannen.

Ich schlaf mal ne Nacht drüber.......
späane.jpg
umriss.jpg
abrichten.jpg
schalloch.jpg
-05.jpg

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Re: Messiah - eine Violine

Beitrag von Zederndehner » Mi 7. Nov 2018, 10:06

Fertig mit Nachdenken. Ich habe einen Entschluss gefunden.

Und zwar erinnerte ich mich an eine Unterhaltung mit meinem damaligen Mentor. Ein tschechischer Geigenbaumeister. Er meinte auf meine Frage zu altem und wertvollen Tonholz:“ Tim, Du kannst auch eine Saite über eine Tischplatte spannen. Sie wird klingen“.

Damals dachte ich er will mich verschaukeln oder jedenfalls seine Erfahrungen durch Humor unter Verschluss halten.
Jedenfalls zog er im selben Augenblick eine Fichtenholzkantel hervor und drückte sie mir in die Hand.
Von diesem Schlag hatte er zwei Kanteln, eine davon war schon verbaut.
„ Das ist altes und wertvolles Tonholz aber geklungen hat die Geige damit auch nicht besonders“. Stellte er fest.
Für mich ein Kuriosum ad Absurdum.
„ Nicht alles was gut aussieht, alt ist und viel verspricht, bringt den Erfolg“. Schickte er noch hinter her.
Er hat an vielen Wettbewerben schon teilgenommen und so manchen guten Platz erreicht in der Liga der Geigenbauer. Trotzdem diese Ansage.

Da ich nun weiß, das meine edelste und vielversprechensde Kantel nicht geeignet ist meinen Plan fortzusetzen, werde ich heute Abend einfach eine schöne und geeignete Kantel aus meinem Bestand wählen. Ohne Doktorarbeit und ohne Mojo.

Einfach ein schönes Instrument bauen.

Fortsetzung folgt....

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Re: Messiah - eine Violine

Beitrag von Mobie Kaymony » Mi 7. Nov 2018, 11:12

Einfach das F-Loch vergrößern (beide Seiten) ist keine Option?

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Re: Messiah - eine Violine

Beitrag von Zederndehner » Mi 7. Nov 2018, 11:17

Mobie hat geschrieben:
Mi 7. Nov 2018, 11:12
Einfach das F-Loch vergrößern (beide Seiten) ist keine Option?
Leider nein, denn

1.) Der Steg findet auf dieser Höhe seine Position
2.) die F- Loch Flanken sind maßgeblich am Ton beteiligt(flattern/schwingen)
3.) Auf dieser Seite sitzt die „Stimme“ (Stimmstock)

Das ist alles zu eng und zu gewagt, dafür das ich mich weiterentwickeln möchte....hm...

Edit: Ganz vergessen...Boden und Decke mit unterschiedlichen Wölbung sieht dazu noch „pfuschig“ aus. Und das ist aktuell ja schon der Fall.

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Re: Messiah - eine Violine

Beitrag von Zederndehner » Mi 7. Nov 2018, 18:32

Aus meiner Auswahl an Fichtendeckenkanteln ist nur eine wirklich brauchbar.

Ich habe sie auf Verwerfung, Verzug und Wuchs nochmal geprüft. Die ist Schlag ´82.

Anschließend wurde sie feingehobelt an der Fuge und mit Spezialknochenleim verleimt. Eingespannt darf sie jetzt bis morgen in der Leimzwinge bleiben.
AG.jpg
auswahl.jpg
Maserung.jpg
Prüfung.jpg

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Re: Messiah - eine Violine

Beitrag von Zederndehner » So 11. Nov 2018, 13:04

Ein wunderkrassen Sonntag alle miteinander, oder Faschinganfang - wie Ihr wollt! :)

Unverhofft kommt oft.
Nach dem ganzen Theater und der Enttäuschung über die Harzblase, einem Auswählen von Ersatz usw, bin ich doch zurückgefallen - ich hab mir gedacht, ich kann ja erstmal die "versaubeutelte" Decke fertig machen und dann gucken. Mir läuft ja nix weg. ;-)

Also Abergraben gelegt, Wölbungen und Zonenstärke reingemeiselt und F-Löcher gesägt. Danach abgerichtet und feinbearbeitet.
Den Zargenkranz hab ich aus der Schablone befreit (Foto) und danach die Klötze gestochen sowie das Innenleben (Reifchen) feinbearbeitet. Dannach den Zargenkranz auf den Boden geleimt und am nächsten Tag wieder feinbearbeitet, anschließend mit Propolis den Boden eingelassen.
Zettelchen noch rein und fertig.

Die Decke habe ich noch feinabgestimmt und den Bassbalken eingeleimt. Dieser musste aufgrund der Berechnung von Jährigkeit der Decke und Stärke in den unterschiedlichen Zonen, sehr aufwändig bearbeitet werden. Da hab ich die Mühe wegen der, sagen wir mal, dynamischen Wölbung aufgrund der Harzblase komplett unterschätzt. Nunja, das Vergnügen "Decke hinmogeln" war ja neu für mich. :?

Aber als sie fertig war und beim Abklopfen einen glockenklaren Klang von sich gab, wußte ich: "Alles richtig gemacht"! 8-)

Aktuell, da ich hier schreibe liegt die Decke schon auf dem Korpus in der Zwinge zum austrocknen vom Knochenleim.

Den Hals hab ich parallel auch begonnen, Fotos folgen davon.


Klangprobe Decke vor dem Aufleimen.

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Decke grob F-Löcher ausgesägt und Steg
Steghals.jpg
Zargenkranz aus Schablone gebrochen
ausSchablone.jpg
Decke nochmal ohne Steg
Grobschnitt.jpg
Korpus innen mit Propolis geschützt
lackfein.jpg
Und wenn die Decke mir vom Klang und von der späteren Optik gut gefällt, bleibt sie drauf - andernfalls mache ich doch noch eine Neue. Mal sehen.

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Re: Messiah - eine Violine

Beitrag von Mobie Kaymony » So 11. Nov 2018, 15:13

Großartige Arbeit, ganz anders als Brettgitarren. Deine Einstellung finde ich sehr lobenswert entspannt.

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