Zigarrenkistengitarrenbau

Bauberichte für klingende Zigarrenetuis
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Mobie Kaymony
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Zigarrenkistengitarrenbau

Beitrag von Mobie Kaymony » Do 11. Okt 2018, 16:51

Seit einigen Jahren erlebt das Bauen von Saiteninstrumenten aus Zigarrenkisten einen kleinen Boom. Als ich in den USA damit begann, war man mit einer Cigar Box Guitar (CBG) ein Exot, heute gibt es in den USA online-Shops, die alle erdenklichen Teile für CBGs anbieten, bis zu kompletten Bausätzen und Zigarrenkisten, die gar keine Zigarrenkisten sind, sondern extra für diesen Zweck hergestellt werden.

Echte Zigarrenkisten bekommt man zufällig umsonst oder teuer ersteigert. Ich hatte damals in Manhattan eine gute Quelle auf der 2nd Ave und besitze heute eine ansehnliche Sammlung, die ich temporär als Hardware Lager benutze. 1$ pro Stück war ein fairer Preis.
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Das sind noch nicht alle ;)
Alle Baupläne für CBGs sind ja nur grobe Richtwerte, da man mit dem Material baut was man hat. Die Boxen fallen extrem unterschiedlich aus, in Form und Größe. Wenn man durch die US Baumärkte geht, dann fällt einem als CBG-Builder sofort auf, dass das Holz schon in den erforderlichen Maßen angeboten wird. Ein CBG Neck besteht aus einer Latte mit einem Querschnitt von ca. 38 mm x 19 mm, das entspricht 1.5 x 0.75 Inch, ein Standardmaß im US Baumarkt. Das Griffbrett besteht z.B. aus Red Oak und hat den Querschnitt 6,3 mm x 38 mm, also 1/4" x 1 1/2". Jeder Baumarkt, ob Home Depot oder Lowe's bietet diese Größen an, da braucht man nichts mehr zu sägen, das passt. Die einfachsten CBGs sind damit schnell gebaut.

Cigar Box Guitar „OLIVA“ 4 Strings
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Das ist ein Projekt, das aus einer Laune heraus geboren wurde. Eine Cigar Box Guitar zu bauen stand schon lange auf meiner Liste, wollte das aber erst angehen, nachdem ich alle anderen Projekte beendet haben würde. Dann sah ich im hiesigen Baumart ein Ahornbrett mit leichter Riegelung und es war um mich geschehen. Es ging gleich los!
Box: OLIVIA Serie G, 175 x 290 x 46mm, Spanish Cedar Sperrholz
Hals: Ahorn, leicht geriegelt, 20mm stark, Trussrod
Griffbrett: Eiche, 6,3 x 38mm, , 628,6mm Mensur, kein Radius
Headstock: geschäftet 14°
Sutainblock: Eiche, Decke frei schwingend
Mechaniken: 2L/2R offen
Pickup: Piezo Scheibe, 34,5mm Durchmesser, unter der Brücke, innen
Tailpiece: Alu Winkel, zurecht gefeilt
Sattel: Nullbund und Corian Saitenführung
Brücke: Knochen
Elektronik: 1 Vol., 1 Tone
Plan: frei Schnauze

Die Tasche hat meine Frau dazu genäht.

Geschichte: Die Cigar Box Guitar war im Ursprung immer ein Instrument, das aus der Armut der Sklaven im Süden Nordamerikas entstand. Es war improvisiert und aus den wenigen verfügbaren Materialien zusammengestellt, die einem unfreien Menschen in der Zwangsarbeit verfügbar waren. Alte Schrauben oder Knochen dienten als Stimmmechaniken, Sattel und Brücke. Bünde fehlten meist ganz, Hälse waren aus Zaunlatten und die Bodies eben aus dem Luxusabfall des reichen Plantagenbesitzers. Zusammengehalten wurde das Ganze mit alten Schrauben, Hufnägeln oder selbst hergestelltem Knochenleim. Saiten bestanden aus Drähten, Haaren, Därmen usw. die selber für diesen Zweck aufbereitet wurden. Alles wurde mit Fantasie aus dem Abfall der Plantagen organisiert. Slaven arbeiteten ja nicht nur auf den Feldern, sondern auch in der Fabrikation von Baumwolle und Tabak, das konnte Zugang zu geeigneteren Baustoffen bringen.

Die Cigar Box Gitarre, der Seifenkistenbass und das Waschbrett sind typische Vertreter des Instrumentariums der unfreien Musiker in den Südstaaten dieser Zeit und unbestritten ist die Rolle der Zigarrenkiste bei der Entstehung des Blues.

Mein Instrument ist natürlich nicht so spärlich zusammengeschustert, mir standen die unermesslichen Lager fernöstlicher Ersatzteilhändler zur Verfügung. Trotzdem habe ich versucht keine dieser chrom-blinkenden Cigar Boxes zu bauen, die mit ihren Metallecken, Schalllochumrandungen usw. aussehen wie Schatzkästchen. Meine CGB ist relativ schmucklos und einige Teile sind tatsächlich aus dem Müll. Der Sattel ist aus dem Corian einer alten Küchenarbeitsplatte, die Brücke aus dem Kauknochen unseres hundes, der Saitenhalter aus einem Stück Aluminiumprofil, das ich auf der Straße gefunden habe.

Die Holzteile des Halses sind vom Baumarkt und nicht vom Tonholzhändler.

Als Lack dient mir Tru-Oil-Gun-Stock-Finish, das ist nicht zu glänzend, leicht zu verarbeiten, schützt perfekt, ist leicht auszubessern und hat eine angenehme Haptik. Die Dots sind aus billigen Perlen eingeklebt und vor dem Bundieren runtergeschliffen. Bunddraht, Tuner, Piezo-Plättchen und Elektronik sind aus chinesischer Produktion. Einzige Zierde ist eine Metalleidechse aus einem Anhänger gebastelt, den ich auf den Headstock geklebt habe.

Ich glaube nicht, dass ich deutlich mehr als 40 $ für alles Material zusammen ausgegeben habe.

Die Bespielbarkeit ist erstaunlich gut, die Saitenlage schon fast zu gut. Das Halsprofil ist nur abgerundet und durchgehend gleich stark. Es gibt keine Weitung des Stringspacings Richtung Brücke, das beträgt durchgehend ca. 9mm.
Wie klingt so ein Abfallprodukt?

Als Gegner jeder des Tonholzvoodoos bei elektrisch verstärkten Instrumenten, fühle ich mich natürlich in vollem Umfang bestätigt, das Ding bluest. Wenn ich jetzt noch Ahnung vom Bottleneck Sliden hätte, würde ich auch noch Soundfiles einstellen, das muss ich aber erst mal lernen. Mit der o.g. Stimmung kann man natürlich leicht einen Blues klimpern, etwas Orientalisches improvisieren oder gar solche Melodien wie „Lady in Black“ oder „Greensleeves“ versuchen, wobei dies mit Akkorden gut gelingt. Meist spiele ich unverstärkt, weil die Kiste zum Üben oder gar im Zusammenspiel mit einem zurückhaltenden Akustikgitarristen gut zu hören ist. Je weiter man Richtung Brücke anschlägt kommt der Sound einem Banjo nahe, am Hals angeschlagen wird es ein Wandergitarrensound. Verstärkt ist alles machbar, was man von einem Piezo erwarten kann, i.d.R. sollte man aber zu hohe Lautstärken vermeiden, da das Ding bauartbedingt zu Rückkopplungen neigt, die Decke schwingt halt frei und wird vom Sustainblock nicht „beruhigt“. In Ermangelung eines magnetischen Tonabnehmers bleibt natürlich der E-Gitarrensound auf der Strecke, trotzdem klingt das Ding im Crunchbereich schön dreckig.

Gebaut habe ich diese CBG ca. 2013

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